Onkel Paul goes Internet

Mein weit über siebzigjähriger Onkel Paul begegnet mir sehr häufig in der Stadt, wenn er  von Tante Hilde auf Einkaufstour geschickt wird.  Manchmal  bleibt genügend Zeit für einen Gedankenaustausch bei einer Tasse Kaffee.  Unsere Gespräche führen schnell zu  Themen wie, neue Medien und Internet. Es sei für ihn alles viel zu schwierig und außerdem in seinem fortgeschrittenen Alter brauche er diesen “modernen Kram” eigentlich nicht, war sein Tenor bis vor kurzem.  Er zeigte mir stolz einen Zettel, den  er immer mit sich führt. Nach der zweiten Bypass-OP und als Diabetiker sei eine Auflistung aller Medikamente und Erkrankungen im Falle eines Falles lebensrettend, so der Rat seines Hausarztes. Ob er sich vorstellen könne, dass er ähnlich einer Ohrmarke in der Tierwelt, demnächst einen auslesbaren Chip auf dem diese Daten gespeichert sind an eine bestimmte Körperstelle unter die Haut eingepflanzt bekomme, war meine  Frage. Der Zettel mit der Auflistung seiner Medikamente und  Krankheitshistorie lässt sich ja so schnell nicht finden, wenn er mal bewusstlos und hilflos in einer Notlage dringend auf rasche ärztliche Hilfe angewiesen wäre, untermauerte ich meine Ausführungen.  Allein mein Vergleich mit der Tierwelt entrüstete ihn sehr. So wird das in Zukunft aber sein, denn jeder dessen Krankheitsdaten an einer bestimmten Körperstelle schnell auffindbar und auslesbar sind hat größere Überlebenschancen bei lebensrettenden  Sofortmaßnahmen, insbsondere weil sich ja in den Jahren schon einiges angesammelt hat. Soweit zur Zukunft.  Dass jetzt schon unser hiesiger Verkehrsverbund keine gedruckten Fahrpläne mehr ausgibt und der Schalterbeamte an unserem “kleinen Hauptbahnhof” demnächst wegrationalisiert sein wird, stimmte ihn denn noch nachdenklicher. “Du musst jemand kennen, der sich im Internet zurecht findet und dir die Fahrpläne ausdruckt, oder besser noch, selbst Internetteilnehmer werden”, schlug ich ihm vor.  Man muss wissen Onkel Paul zählt sich du den gebildeten Zeitgenossen, ist sehr belesen und nimmt aktiv am Tagesgeschehen teil. Der Hinweis auf die Möglichkeit im Internet in den Archiven von „Spiegel“ und „Die Zeit“ von 1946 bis heute stöbern zu können und das zu jeder Tages- und Nachtzeit, waren Teil meiner Überzeugungsarbeit, die ihn auf den Geschmack bringen sollte. Im Januar rief er mich schließlich an und sagte: „Ich mach mit“. Jetzt nach der 3. Sitzung ist Onkel Paul mein Vorzeige-Internetteilnehmer, hoch motiviert und kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Google Earth und die Seite der Deutschen Bahn sowie der“ Code-Knacker“ sind seine absoluten Favoriten. Dass seine Enkel ihn jetzt den „coolen Opi“ nennen und er in deren Gunst an vorderster Stelle steht macht ihn zusätzlich mächtig stolz. Das Verhalten von Onkel Paul entspricht ziemlich genau den Appellen von Gerald Gatterer, Wiener Professor für Geriatrie. Seinen leidenschaftlichen Vortrag im Herbst in Passau zum Thema “Senioren und Internet” betitelte er mit dem Satz „Enkel kommen gern zur Online Oma“.